Was ist da noch in mir?

Veröffentlicht am 13. Januar 2026 um 17:35

 

Es gibt da einen Teil in mir, den ich noch nie so richtig verstanden habe. Die Zwangsstörung und Depression konnte ich inzwischen sehr gut bewältigen, aber es ist noch etwas anderes. Bisher kam ich damit irgendwie so durch das Leben. Weil ich es über fast drei Jahrzehnte so gelernt habe. Weil ich musste. Aber es ist anstrengend, sogar manchmal völlig erschöpfend und überfordert mich hin und wieder extrem.

 

Ich fühle mich in sozialen Situationen meistens fehl am Platz. Ob man mir das anmerkt? Vielleicht ja. Vielleicht auch nicht. Wenn ich mit Menschen in Kontakt trete, ist das enorm anstrengend für mich. Warum? Weil ich permanent damit beschäftigt bin, ihr Verhalten, ihre Mimik und Gestik, ihre Betonungen einzuordnen und zu verstehen. Das passiert bei mir irgendwie nicht automatisch, sondern ich habe mir in den letzten 28 Jahren einfach ein großes Erfahrungswissen darüber angeeignet, was welcher Gesichtsausdruck oder Tonfall bedeutet und wann er eingesetzt wird und das Ganze adaptiert. Ich merke immer wieder, dass ich gelernt habe, mir eine Art Maske aufzusetzen.

 

So kann ich im Alltag „normal“ agieren, aber nach außen hin sieht man vermutlich nicht, wie viel Energie mich das kostet. Wenn ich länger als 2-3 Stunden in solchen Situationen verharre, fliegt bei mir regelmäßig die Sicherung heraus, weil ich völlig überreizt bin. Ich bekomme Panikattacken und muss mich lange ausruhen. Einfach weil es für mich nicht „leicht“ von der Hand geht und sich anfühlt als würde ich einen Marathon laufen.

 

Ich hatte schon immer das Gefühl, dass in mir das Bedürfnis nach Kontakt mit anderen Menschen nicht so stark ausgeprägt ist. Ich fühlte mich wie ein Alien, weil irgendwie alle anderen offenbar richtig viel Spaß dabei hatten, aber ich die Geselligkeit nicht so sehr nachvollziehen konnte - auch wenn das äußerlich vielleicht nicht sichtbar war. Mir waren schon als Kind oft Tiere oder sogar Gegenstände emotional wichtiger als Menschen. Als ich damals die Diagnose Zwangsstörung erhielt, hatte ich die Vermutung, dass es daran liegen könnte und ich mich einfach nur konfrontieren müsste, weil vielleicht irgendeine Angst hätte dahinterstecken können, die ich vermeiden wollte. Ich habe viele Expos mit Reaktionsverhinderung durchgeführt, aber am Ende war ich einfach nur komplett ausgelaugt und habe überhaupt keinen positiven Effekt gespürt.

 

Verstanden habe ich das nie, aber ich habe es irgendwann akzeptiert. Trotzdem merke ich aus dem Druck heraus, mich möglichst "normal" zu verhalten, dass ich bis heute oft meine persönliche Leidensgrenze missachte, nur um möglichst nicht aufzufallen.

 

Auf der letzten Jahrestagung der DGZ im September 2025 hörte ich einen Vortrag, in dem es um die Komorbidität zwischen Zwangsstörungen und Autismus ging und habe mich darin plötzlich total wiedererkannt. Seitdem beschäftige ich mich mit dem Thema Autismus und sehe in jedem Beitrag und jeder Studie, die ich gelesen habe, extrem viele Parallelen zu mir selbst. 

 

Darüber hinaus bemerke ich noch viele weitere Anzeichen. Ich habe beispielsweise große Probleme, mit Veränderungen umzugehen und Spontanität fühlt sich für mich an wie Folter, verstehe Sarkasmus und Andeutungen oft nicht, weiß überhaupt nicht, warum man Smalltalk führt (auch wenn ich es täglich mache, weil es eben Menschen scheinbar so machen), kann Reize kaum filtern u.v.m.

 

Ich möchte natürlich keine Selbstdiagnose stellen, sondern habe einfach nur einen Verdacht. Schon in meiner Kindheit wurden mir oft Sätze wie "Du hast aber ziemlich autistische Züge" an den Kopf geworfen - nur leider ist nie jemand der Sache nachgegangen. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes, aber es gibt mir Hoffnung, dass das, was da in mir ist, vielleicht einen Namen haben könnte. Jedoch stehe ich momentan an dem Punkt, an dem ich mich frage, was ich nun mit meinem Verdacht mache. Ist der Leidensdruck so hoch, dass ich eine Diagnostik machen und das eventuell therapeutisch in Angriff nehmen möchte? Bisher bin ich ja irgendwie auch durchgekommen. Im Prinzip finde ich es völlig okay, dass ich so bin, wie ich bin, aber ich möchte mich selbst und meine Erlebenswelt einfach besser verstehen, um leichter für mich sorgen und die Maske ablegen zu können.

 

 

 


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